ADHS

Udo Schmiechen und Stefan Rößler

Diese tückische Krankheit wird bei Frauen häufig nicht erkannt

Die Schauspieler Jennifer Lopez und Will Smith, der Unternehmer Bill Gates und Schwimm-Weltmeisterin Angelina Köhler: Sie alle haben ADHS. Eine Krankheit, die viele mit Kindern und Jugendlichen in Verbindung bringen und dabei vielleicht an die literarische Figur des Zappelphilipps denken.

„Doch ADHS brennt nicht nach dem Kindesalter aus. Im Gegensatz zu Kindern wird die Krankheit aber bei Erwachsenen, vor allem bei Frauen, häufig nicht diagnostiziert“, betont Udo Schmiechen, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, für Allgemeinmedizin und Sportmedizin in Wasserburg…

Oft nicht erkannt

Die Krankheit bereite für Betroffene große Probleme, so Schmiechen. „Sie wird oft nicht erkannt, weil das Klischee vom physisch hyperaktiven Kind mit schlechten Noten vorherrscht.“ Auf die Spur komme man ADHS oft erst dann, wenn sie bereits zu einer Depression oder ähnlichem geführt hat, aufgrund deren Patienten sich in Behandlung geben.

ADHS ist die Abkürzung für Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Charakteristisch sind übersteigerter Bewegungsdrang, eine mangelnde Konzentrationsfähigkeit und unüberlegtes Handeln, oft verbunden mit einer unvernünftig hohen Risikobereitschaft. Eine Variante ist ADS, bei der die Hyperaktivität nicht gegeben ist und die mit Schwierigkeiten bei Konzentration und Organisation sowie dem übermäßigen Aufschieben von Aufgaben verbunden ist.

Die Herkunft der Krankheit ist noch nicht vollständig erforscht. Es ist aber sicher, dass ADHS eine neurobiologische Störung ist, die nicht durch Erziehungsfehler oder Traumata in der Kindheit verursacht wird, sondern durch einen Dopaminmangel im Gehirn. Viel spricht dafür, dass auch genetische Faktoren eine große Rolle spielen. „Die modernen Medien mit ihrem enorm hohen Ablenkungspotenzial könnten vor allem bei Pubertierenden bereits vorhandene ADHS-Symptome aber noch verstärken“, äußert Stefan Rößler einen Verdacht.

So viele sind betroffen

Eine Studie führte zum Ergebnis, dass fast fünf Prozent aller erwachsenen Deutschen von ADHS betroffen ist. Doch nach Daten der Krankenkasse AOK gab es zwischen 2006 und 2023 bei den Diagnosen einen Anstieg von hyperkinetischen Störungen, zu denen auch ADHS zählt, von 0,1 auf lediglich 0,5 Prozent bei erwachsenen Mitgliedern. Viele Erkrankte müssen also ohne Diagnose und Behandlung zurechtkommen.

„Sie haben dadurch erhebliche Einschränkungen im Berufsleben, in der Familie, aber auch im Freizeitbereich. Ihre mangelnde Organisationsfähigkeit macht es ihnen schwer, Dinge zu organisieren, sie sind vergesslich und handeln mitunter völlig planlos“, heißt es auf der Website eines ADHS-Infoportals.

„Wie ein Porschemotor im Chassis eines Gogomobils.“ (Dr. Stefan Rößler)

Die Erkrankung bekannter zu machen und sie aus der Tabuzone herauszuholen, ist Schmiechen und Rößler ein großes Anliegen. „ADHS- und ADS-Patienten sind wie ein Porschemotor im Chassis eines Gogomobils. Sie sind desorganisiert und leicht ablenkbar, besitzen aber eigentlich viele positive Eigenschaften wie zum Beispiel eine hohe Kreativität.“ Dieses Bild zeichnet Stefan Rößler. Er hebt wie Udo Schmiechen trotz des humorvollen Vergleichs hervor: „ADHS und ADS sind strukturelle Veränderungen im Gehirn und Krankheiten wie beispielsweise Morbus Parkinson.“

Entsprechend ernst ist die Lage der Betroffenen. Sie leiden, ohne zu wissen, was der Grund dafür ist. Daher ist ADHS auch oft mit einer Depression verbunden oder mit Angst- oder Zwangsstörungen. Und in den allermeisten Fällen leiden der Partner und die Familie ebenso. Die gute Nachricht: „ADHS kann behandelt werden, mit einer Kombination aus Medikamenten, Entspannungsübungen und Psychotherapie“, sagt Udo Schmiechen.

Noch gebe es freilich nur wenige Psychotherapeuten und Fachärzte, die sich mit der Materie vertraut gemacht haben und die sich im eng getakteten Praxisalltag die Zeit nehmen können, um die Tests zu machen, mit denen ADHS diagnostiziert werden kann. „Die Tests mit über 100 Fragen sind langwierig. Ein Test dauert mindestens eine Stunde“, berichtet Schmiechen. Dazu komme zuvor auch noch das diagnostische Gespräch und die körperliche Untersuchung einschließlich Blutabnahme, um organische Erkrankungen auszuschließen. Zusätzlich gebe es zu wenig Therapieplätze.

„Viele schämen sich.“ (Dr. Udo Schmiechen)

Sind ADHS oder ADS aber erst einmal erkannt, kann die Therapie relativ schnell erste Ergebnisse bringen. „Zur Anwendung kommen zum Beispiel Amphetamine, die es seit über 50 Jahren gibt und die gut erforscht sind und gut und rasch wirken“, sagt Schmiechen. Für den Patienten einfach sei das freilich nicht, daraus macht der Mediziner keinen Hehl. „Viele schämen sich, weil sie Betäubungsmittel nehmen müssen.  Zudem braucht es für die Therapie eine große Portion Selbstdisziplin, denn man muss Tagespläne genau einhalten.“

Auch für den Arzt sei es keine leichte Aufgabe. „Beim Verschreiben von Betäubungsmitteln muss viel Bürokratie erledigt werden. Wenn wir solche Rezepte ausstellen, muss die Diagnostik hundertprozentig passen“, sagt Schmiechen.

Willkommene Verstärkung

Dass der auf diesem Gebiet erfahrene Mediziner die Praxis in Wasserburg seit zwei Jahren verstärkt, freut Stefan Rößler. „Es ist eine große Erleichterung, ihn im Haus zu haben“, sagt er. Früher habe er bei Verdacht auf ADHS „Wochen und Monate suchen müssen“, bis er einen Kollegen gefunden habe, der die eindeutige Diagnose stellen und die Weiterbehandlung durchführen konnte. Die relativ wenigen geeigneten Praxen und Kliniken sind übervoll.

„Nur ein mehr oder weniger großer Chaot zu sein“, sei freilich noch kein Grund, einen Arzt aufzusuchen, um die langwierigen und zeitlich aufwendigen ADHS-Tests zu machen, betont Schmiechen. „Die Person sollte schon wirklich unter seinem Zustand leiden.“ Der Experte und sein Kollege raten daher dazu, erst einmal einen von einigen Kliniken online angebotenen Fragebogen auszufüllen. Er liefere schnell eine erste Einschätzung, die freilich mit einer ausführlichen ambulanten Diagnostik in der Praxis nicht zu vergleichen sei.

Schmiechens Tipps: „Auf adxs.org gibt es Selbsttests, man muss allerdings ein kostenloses Nutzerkonto anlegen. Auch die Website der  Münchner Fachärztin Astrid Neuy-Lobkowicz , die als selbst Betroffene und Mutter dreier Kinder, die ebenfalls an ADHS/ADS erkrankt sind, einen sehr guten Fragebogen entwickelt hat, den ich selbst in unserer Praxis verwende.“

Liegt eine ADHS-Erkrankung vor, könne mit der geeigneten Behandlung oft sehr schnell eine Verbesserung erzielt werden, sagt Schmiechen. Er erinnert sich aus seiner Münchner Zeit an den Fall einer jungen Frau. „Sie war Studentin und seit drei Jahren nicht in der Lage, ihre Bachelorarbeit zu schreiben, weil sie sich nicht darauf konzentrieren konnte. Sie hatte bereits mehrere Kollegen aufgesucht, ohne eine Besserung zu erreichen. Wegen des Verdachts auf eine Depression kam sie schließlich zu mir. Der Test ergab die Diagnose ADS und ich verschrieb ihr die entsprechenden Medikamente. Nach einem Monat besserte sich ihr Zustand bereits sichtbar, und bald darauf schrieb sie ihre Bachelorarbeit und hatte ihren Abschluss in der Tasche.“

Seriöse Informationsangebote gibt es laut Dr. Udo Schmiechen auch bei folgenden Websites: www.takeda-adhs.de – www.adhs-infoportal.de/adhs-bei-erwachsenen – www.adhs-deutschland.de

Quelle: https://www.schwaebische.de/regional/lindau/lindau/diese-tueckische-krankheit-wird-bei-frauen-haeufig-nicht-erkannt-4094838
Veröffentlicht:15.01.2026, 19:18, von: Steffen Lang